TRIESEN/BALZERS, 23. MAI

Ich lese einen grossartigen Text zu dieser Thematik von Heimat, Natur und Raumplanung von einem lokalen Autor. Hier ein paar Auszüge:

„Der Begriff Heimat war lange belastet, weil man ihn seit der Nachkriegszeit mit nationalistischen und rassistischen Theorien assoziierte. Heimat verbindet aber ohne solchen Missbrauch wichtige Elemente des Lebens; Heimat schafft Brücken zwischen Natur und Kultur. Als Reflex auf die teils beängstigenden Zeichen der wachsenden Globalisierung könnte sich eine rückwärtsgewandte «Heimatsehnsucht» ergeben. Allein mit Abwehrreflexen lässt sich aber auch in der Berggebietspolitik wenig lösen. Gefordert ist eine Auseinandersetzung, und es gilt immer, das Ganze im Auge zu behalten. Heimat soll nicht nur mit Versatzstücken wie etwa einem an die Hauswand geschlagenen Wagenrad inszeniert werden. Zu wünschen ist eine Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt. Heimat ist dort, wo wir Verhaltenssicherheit erfahren, und zwar im Umgang mit Dingen, Zuständen und Menschen. Heimat festigt sich dort, wo wir vertraut sind, wo wir um die Verlässlichkeit von konkreten Lebensverhältnissen wissen. Kennen aber unsere Generationen, die sich in das vermeintliche Idyll ihrer individuellen Behausung, umgeben von Thujahecken, zurückziehen, noch die Nachbarschaft und den Gegenhang, auf den wir jeden Tag blicken? Tragen wir als Gemeinschaft noch genügend zu einem so verstandenen nötigen Heimatbegriff bei?“

„Unser zunehmender Rückzug von öffentlichen Anliegen und eine wachsende Politikverdrossenheit lassen daran zweifeln. Den nötigen Gemeinschaftssinn wieder zu stärken, wie wir ihn einst in Allmenden und Genossenschaften entwickelten, ist darum eine wichtige Aufgabe.“

„Natur ist die Quelle für Ehrfurcht und Staunen, ohne die es keine menschliche Vorstellungskraft geben kann, und ohne menschliche Vorstellungskraft würde das Bewusstsein verkümmern,
meinte einst der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin.“

„Ich wohne in einem solchen Transittal, das sich vom deutschen Bodenseeraum in Richtung San Bernardino streckt: das Alpenrheintal. Prägend wirkte hier das Auftrennen des Rheins durch Dämme und das Beschleunigen der Mobilität durch die Autobahn. Mit dem durchgängig kanalisierten Rhein und der flankierenden Autobahnführung entstand eine Hierarchie der gestaltgebenden Elemente in der Talsohle. In ihr nehmen die vom Menschen erst im letzten Jahrhundert gesetzten baulichen Akzente die höchste Rangstufe ein. Die Diffusion urbaner Merkmale im ländlichen Raum wird gefördert, während wir meinen, noch auf dem Land zu wohnen. Der Strassenbau erwies sich als Türöffner für die Zersiedlung. Nicht die Raumplanung hat den Raum gestaltet, es war die Mobilität. Der Mensch sollte sich folgerichtig weniger auf viele Kilometer im Transit, denn auf ein Verweilen ausrichten, eine Kultur des Vertikalen statt des Horizontalen suchen, sich beispielsweise mehr um seine eigene Heimat mit ihren Eigenheiten kümmern und diese bewusster erleben und pflegen. Damit ist der Kreis zum Begriff der Heimat geschlossen.“

Mario F. Broggi, in „Alpen-Blicke.ch – Heimat, Energie, Freizeit, Transit“,
herausgegeben von Hans Peter Jost, Scheidegger & Spiess, Zürich, 2017

SB

2017-05-31T10:54:38+00:00