WERKE – HOMO PAUPER

Thomas Lehnerer
* 1955 in München, Deutschland † 1995 in München, Deutschland

Ohne Titel (Homo pauper), 1993
Bronze 29 × 9,4 × 6,3 cm
Sammlung Hirschfeld, Appenzell

Zum Auftakt begrüsst den Besucher der Ausstellung Who Pays? linkerhand eine kleine, idolhafte Bronzeskulptur: ein Homo pauper von Thomas Lehnerer. In der Figur mit eng anliegenden Armen ist die Gestaltung aus der Hand unmittelbar auszumachen. Der Kopf, der sich schwungvoll aus dem Körper heraus in die Höhe richtet, scheint in eine unbestimmbare Ferne zu sehen. Zugleich wirkt er in sich gekehrt und glückselig.

Substantiell für Lehnerers Auffassung vom Menschen ist der Begriff der Armut. Anknüpfend an Traditionen der Weltreligionen beruht sein Verständnis hier­
bei auf einer Haltung der Demut, die Ausgangspunkt für Freiheit und Glück ist. So zeichnet den Homo sapiens in seinem Verständnis nicht der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellende Homo oeconomicus aus oder der seinem Machen und seiner Macht verfallene Homo Faber, sondern vielmehr der Homo pauper.

„Ich glaube tatsächlich, dass ich da einen Begriff aufgedeckt, nicht entdeckt, sondern aufgedeckt habe, der in der Neuzeit, oder zumindest in der Moderne, zugedeckt und nur mit einer einzigen, einer ökonomischen Kategorie besetzt wurde. Der Begriff der Armut war im Mittelalter die zentrale ethisch-theologische Kategorie überhaupt, die selbstgewählte Armut die Tugend schlechthin. Bei Meister Eckehart, um 1300, findet man ein Lehrstück über die Armut […]: die wahre Armut bestehe darin, nicht zu wollen, nicht zu wissen und nicht zu haben. Und das heisst im Grunde: so zu sein, wie man vor der Geburt war, ohne jede Intentionalität. Oder in einem theologischen Sprachgebrauch: eins zu sein mit Gott. Ich erwähne das, weil dort eine tiefe mystische Einsicht entwickelt wurde, die auch Krishnamurti zur Sprache bringt und über die viele Menschen heute nachzudenken beginnen. Eine meiner Intentionen besteht darin, diesen Begriff der Armut, der in unserer kapitalistisch-modernen Welt wie getilgt zu sein scheint, erneut ins Bewusstsein zu rücken.“
Thomas Lehnerer

Text: Christiane Meyer-Stoll
Abbildung: © 2017, ProLitteris, Zürich

2017-03-23T16:28:36+00:00