Blogbeiträge Rest-Münz-Aktion 2017-03-31T18:57:30+00:00

ALLE BLOGBEITRÄGE ZUR REST-MÜNZ-AKTION

VADUZ, 10. MAI

Marshall Rosenberg (Gewaltfreie Kommunikation) sagt: „Depression ist die Belohnung fürs Bravsein!“ Das zitierte Christian Felber in seinem Vortrag über Gemeinwohlökonomie in der Zukunftswerkstatt. Gleichzeitig schnauben abends einige Liechtensteinerinnen in Empörung angesichts der Tatsache, was der Besuch eines Deutschen wieder an schrägem Aussen-Image für Liechtenstein mit sich gebracht hat. Warum wurde ausgerechnet Uli Hoeness zu „Meet the President“ eingeladen? Ich lese im Netz dazu: „Hoeness sprach am Montag in Vaduz im Restaurant inmitten des fürstlichen Rebberges vor Geschäftsleuten auch über seine Verurteilung im Jahr 2014 durch das Landgericht München wegen Hinterziehung von 28,5 Millionen Euro Steuern. Sätze wie, er sei der einzige Deutsche gewesen, der Selbstanzeige gemacht habe und trotzdem im Gefängnis gewesen sei, wurden von deutschen Medien aufgegriffen. Bayern-Präsisent Uli Hoeness habe sich über seine Haftstrafe beklagt, schrieb Spiegel online. Hoeness wird mit dem Satz zitiert: „Freispruch wäre völlig normal gewesen.“ „Dreister Auftritt in Steuer-Oase“, titelte die deutsche Zeitung Bild am Donnerstag auf der Frontseite. „Muss Uli Hoeneß zurück ins Gefängnis? Nordrhein-Westfalens Justizminister Thomas Kutschaty könnte sich dieses Szenario offenbar gut vorstellen. Der SPD-Politiker hat in der Bild eine Warnung gegen den Bayern-Präsidenten ausgesprochen: ‚Er sollte sehr vorsichtig sein. Denn er steht unter Bewährung. Und bei solchen Äußerungen kann man schon den Widerruf der Bewährung prüfen.“ „Offensichtlich haben 21 Monate in einem bayrischen Luxusknast mit Wochenendurlauben und Aufenthalten in der Schön-Klinik am Starnberger See nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Im Steuerparadies Liechtenstein macht er sich über die ehrlichen Steuerzahler lustig“, sagte Kutschaty gegenüber der Bild-Zeitung.“

SB

BUCHS/WERDENBERG, 5. MAI

Mein Wunsch, nämlich Liechtenstein mal von der anderen Seite zu sehen, geht ohne zu planen in Erfüllung. Ich werde zu einem wunderbaren Mittagessen eingeladen und einem Spaziergang hinter Werdenberg um dort über die Rest-Münz-Aktion, aber eigentlich über Liechtenstein zu sprechen. Das Wetter ist so wunderbar und auf einmal sehe ich nicht nur die Schönheit der Schweizer Seite, sondern auch die wunderbare Kulisse, die Liechtenstein auf der anderen Seite der Berge liefert. Mein Gesprächspartner macht für mich eine hochinteressante Bemerkung zu der Aktion. Seine Nachbarinnen nach Ihren Wünschen befragend, stellte er fest, dass es vielmehr um Bedürfnisse als um Wünsche geht. Wir versuchen den Unterschied zu klären. Ist „Ich möchte (über)leben“ ein Bedürfnis und „ich möchte gut leben“ ein Wunsch?

Im Folgenden gab es noch bei uns beiden Nachgedanken: Hier habe ich noch ein schönes Beispiel zur Definition Wunsch und Bedürfnis (meine Definition und nicht die von Wikipedia): „Ich habe das Bedürfnis, gute Musik zu hören. Was Leonard Cohen auf seiner CD Ten New Songs singt ist ein Wunsch: „May the lights in The Land of Plenty Shine on the truth some day.“

SB

DER RAT DER GENERATIONEN

Am 4. Mai traf sich der „Rat der Generationen“ und entschied sich für folgende acht Kriterien zur Auswahl von Wünschen, die am 27. Mai auf ihre Realisierbarkeit diskutiert und entschieden werden. Dies sind die Kriterien:

  1. dem Gemeinwohl dienend
  2. Generationsübergreifend
  3. durch Originalität in FL und darüber hinaus bemerkbar
  4. integrativ und Austausch fördernd
  5. Potentiale für ein dauerhafte Wirkung bergend
  6. umweltfreundlich
  7. Freude bereitend
  8. ein grösstmöglicher Hebeleffekt mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln

Die infrage kommenden Wünsche sind in der Farbe PINK markiert

Der Prozess war sehr interessant dank Elias und Michaela von der Symbiose, die das Ganze moderiert haben. Klasse war, dass wir von 15 bis 88 alle Altersstufen dabei hatten und eine breite Mischung an Bewohner*innen aus Liechtenstein sowie der Schweiz.

TRIESENBERG, 3. MAI

Ich bin zurück in Triesenberg und lausche bei schwarzen Tee den wunderbaren bildhaften Erzählungen. Den Himmel bei der Prozession tragen, ging für einen prominenten Liechtensteiner nicht mehr, nachdem sich herausstellte, dass er Besitzer eines Puffs in Innsbruck ist. Aber die Leute vor Ort wissen das und gehen damit um. Immer wieder dieses Phänomen, dass ich beim Zuhören merke, ich kann die Linie nicht nachvollziehen, wo eine tolerante Zone endet und wo man Korruption und moralisches Fehlverhalten scharf verurteilt.
In Gamprin treffe ich abends zwei Jungs am verwaisten Grossabünt, die interessiert zu dem Projekt zuhören und anschliessend Restmünzeinwerfen.

SB

NATUR, 2. MAI

Einmal muss ich etwas dazu schreiben: ich geniesse unendlich, immer und immer wieder mit dem Fahrrad durch die Natur zu fahren, ich werde es nie müde, diese wunderbaren Wiesen zu bestaunen, den Frühling, die Störche, abends zirpen unendlich viele Grillen, mittlerweile kenne ich nun auch schon den warmen Wind des Föns, den „Rebenkocher“ wie jemand zu mir sagte. Strassenbau-Arbeiter hoben vor Kurzem morgens für mich mit dem Bagger ein gelbes Rohr in die Höhe, damit ich untendurch radeln konnte. Obwohl das Land so begrenzt, man nie aus der Zivilisation weg und auch kein Stück Natur nicht gepflegt ist, werde ich hier sehr bewegt von dem Panorama, dem Wetterspiel und dem, was sich ganz direkt neben, unter und vor mir auf dem Boden abspielt. Mein Gemüse hole ich vom Selbstabhol-Laden in Mauren und ich fahre direkt durch die Äcker heim. Es schmeckt alles ausserordentlich frisch und nahrhaft. Würzig. Wie schwerer, reicher Boden. Ich kann also sehr gefühlt nachvollziehen, wenn Menschen mit mir über ihren Bezug zur Natur hier sprechen.

SB

TOSTERS-LIECHTENSTEIN-BUCHS, 1. MAI

Ich wache schon auf mit dem Üben von Harmonie Musikern. Es regnet, es ist kühl, es ist ein richtig ungemütlicher Montag. Ich habe eine Verabredung zu der ich einen Zug von Buchs bekommen muss. Ich fahre also mit dem Rad durch Riet, zu meiner üblichen Bushaltestelle in Mauren, um von dort den Bus nach Schaan zu nehmen, um von daraus den Bus nach Buchs und den Zug nach Zürich zu erwischen. Daraus wird leider nichts. Ich wundere mich erst nach fünf Minuten, warum kein Bus kommt und sehe dann den Zettel, der besagt, dass heute wegen einem Radrennen kein Bus hier verkehrt. Also schwinge ich mich auch aufs Rad und radle mein 1. Mai Radrennen nach Schaan wo mir der 12-er Bus vor der Nase wegfährt. Also radle ich weiter nach Buchs, schliesslich sind es nur sieben Minuten mit dem Bus von Schaan nach Buchs. Dort angekommen, bin ich nass geregnet von aussen und nass geschwitzt unter meinen Regenklamotten. Und der Zug fährt vor mir vor der Nase weg. Mein Drei-Länder-Radrennen unter einer Stunde habe ich erfolgreich absolviert und kann es noch Stunden nicht fassen, dass ich trotzdem nicht wirklich weit gekommen bin. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von unserem Weltreichenweiten-Vergrösserungsdrang, der uns vom Gehen zum Fahren zum Fliegen bewegt, um unseren geographischen Horizont zu erweitern. Unsere Lust und Verlangen, die Welt zu erleben, zu vereinnahmen, zu verstehen.

SB

SCHAAN, 26. APRIL

Ich lese im Jahrbuch 2015 des Literaturhaus Liechtenstein, Thema „Prekär: Stimmen aus dem Tiefparterre“. Das passt zu meiner Woche in Schaan, die diverser nicht sein könnte an Orten und Menschen, denen ich zuhören darf. Wie noch nirgendwo anders verstehe ich hier das Wort „working poor“:

„Die Politiker in Liechtenstein stehen an den Seitenlinien, wollen die Entwicklung weiter beobachten, wenn Firmen auf breiter Basis Löhne reduzieren und nur noch in Euro auszahlen. Die Arbeiter fühlen sich so nicht geschützt. Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen, war bei der Landtagseröffnung zu vernehmen. Alle? Bisher trifft es die weniger Verdienenden und weniger Vermögenden. Die Reichen wurden schon vor Jahren beschenkt, indem Kapitalgewinne, Dividende, Erbschaften (…) nicht besteuert werden.“ Kranz, W. ( 9.11.2015). Eine Lobby für die weniger Privilegierten. Teil 1. Liechtensteiner Vaterland.

„Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tief greifende Auswirkungen. Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für einen vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist.“ Bourdieu, P. (2004). Gegenfeuer (Edition discours, Bd.37). Konstanz: UVK-Verl.-Ges., Seite 1.

„Arbeitslose und Arbeitnehmer, die sich in einer prekären Lage befinden, lassen sich kaum mobilisieren, da sie in ihrer Fähigkeit, Zukunftsprojekte zu entwerfen, beeinträchtigt sind.“ Bourdieu, P. (2004). Gegenfeuer (Edition discours, Bd.37). Konstanz: UVK-Verl.-Ges., Seite 2.

SB

VADUZ, 25. APRIL

Am Sonntag hatten wir zu einem Brunch ins Museum eingeladen, mit dem Thema des guten Lebens, basierend auf dem Buch „Das Konvivialistische Manifest – Für eine neue Kunst des Zusammenlebens“. Mit ca. 15 Menschen ging es darum, in kleine Gruppen über die gefühlten Qualitäten zu sprechen, die uns ein Empfinden geben, dass wir Teil einer Weltengemeinschaft sind, was uns nährt, was uns aufregt, was wir tun, wie wir damit umgehen. Mit „wir“ meinten wir einen Austausch der Individuen mit anderen.

Von einer Freundin kommt eine interessante Resonanz auf die Themen „Visionieren als Kritik“, „ Basisbedürfnissen“ und „Gemeinschaftssinn“:

Das ist allerdings sehr interessant, dass du schreibst, dass das Visionieren als Kritik (manchmal) empfunden wird. Wir sind das ja gewohnt, von den moralischen (religiösen) Idealismus, dass es ein ständiges „Die Welt und der Mensch ist nicht gut genug“ ist. In diesem Narrativ hat es irgendwann Frieden gegeben, dann gab es einen Bruch, der quasi der Ausstoß aus dem Paradies war und ab da ist die Welt verkommen. So streben wir in dieser Geschichte nach der Rückkehr ins Paradies, der Wiederkehr des Messias und der endgültigen Gerechtigkeit. Da dieser Moment, das Ideal, nie eintritt und immer im Jetzt ist und das Jetzt nicht gut genug ist, ist es ein ziemlich unzuFRIEDENes Jetzt.

Du schreibst von den Basisbedürfnissen, ich vermute, du beziehst dich auf Abraham Maslows Bedürfnispyramide? Wusstest du, dass Abraham Maslow gegen Ende seines Lebens erst „gestanden hat“, das er die Idee der Grundbedürfnisse aus dem Chakrensystem abgeschaut hat und aus einem System, in dem alle Elemente eine gleichwichtige Rolle spielen, eine Hierarchie gemacht hat, mit wichtigeren und weniger wichtigen Bedürfnissen? Gegen Ende seiner Forschungen kam er immer mehr zum systemischen Gedanken zurück – sodass die sozialen Bedürfnisse (Anerkennung, Liebe, Konvivialismus) und die spirituellen Bedürfnisse (Schönheit, Transzendenz, die allumfassende Kraft des Lebens, Sinn…) für ihn wieder als genauso wichtig erkennbar wurden wie die Sicherheit, Futter…

Was ich damit sagen will ist eigentlich: Ich glaube ich kann das irgendwie verstehen, dass die Leute das Visionieren zu leicht mit einer UnZUFRIEDENheit verwechseln.

Falls es auch um die Identifikation mit Fürst, Vaterland und Religion geht: Man könnte das auch als einen Gemeinschaftssinn betrachten, der eben mit einer bestimmten Strategie befriedigt wird (exklusive Identität), die aber der Gemeinschaft nicht immer zuträglich ist…. Fragen stellen, die auf den Zugrunde liegenden universelleren Gemeinschaftssinn hinzielen? Dort die visionäre Kraft anstoßen und vielleicht nicht einmal in die Form überführen, sondern diesen Prozess dann wirken lassen? Die spirituellen Bedürfnisse anregen im Erleben von der Schönheit und Harmonie im Jetzt.

 

SB

24. APRIL

„Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man Modelle, die das Alte überflüssig machen.“
Richard Buckminster Fuller

Was weiss ich mehr als Zuhörende über die Liechtenstein und sein brachliegendes Ideenkapital, frage ich mich nach jedem Gespräch. Ein Freundin schreibt mir dazu: „Es sind deine Fragen am Ende und deine Antworten. Du bist die Pflanze die du ziehst, der Rest sind „Beikräuter“. Wie in jedem Garten. Und Garten wächst über Jahre und Gärtner werden mit der Zeit besser so wie ihr Garten. Das ist eine Lebens-Liebesbeziehung. Geduld.“ Mein Freund Christian Hörl erinnert mich an eine Zeichnung, die ich für St Arbogast gemacht habe, die eines wilden Bienenstocks. Wer bringt da beständig den Honig ein, den das Volk nährt?

SB

HILTI, 22. APRIL

‚Vorausschauendes Denken‘ praktizierten die Fürsten des Landes seit Jahrhunderten, höre ich; sie gingen und gehen immer mit den notwendigen Veränderungen mit, Wechsel von Religionen und Zugehörigkeit, schlossen sich manchen europäischen Bewegungen wie dem EWR und der UN an. Wenn es das Fürstenhaus nicht gäbe, gäbe es nichts über den Roten und den Schwarzen, die am Ende auch nur wie zwei Familienclans ihre fast identischen Programme verhandelten.
Die Kleinheit des Landes erlaubt ganz menschliche Begegnungen und Verhandlungen und als solches ist fast nichts unmöglich: Innerhalb von zwei Tagen kann man mit jedem Regierungsmitglied auf kurzem und direktem Wege sprechen.

SB

HILTI, 21. APRIL

Immer wieder höre ich das Wort „Wünsche“, das die vorbeigehenden Mitarbeiter*innen ihren Kollegen über dieses Kunstprojekt auf ihrem Marktplatz mitteilen. „Wünsche“ haben so einen Anschein von Märchen. Sagte doch ein Triesenberger gestern, sein deutscher Freund würde Liechtenstein als reales Märchenland beschreiben: Man hat liebe und böse Leute sowie einen Prinzen. Und es funktioniert wie im Märchen: allen geht es gut. Nur dass die Liechtensteiner*innen das als selbstverständlich nähmen und nicht wirklich schätzten.
„Was sind das für Probleme, die wir haben? Doch nicht wirklich gravierende, und dass wir manche Dinge auf Kosten anderer tun, nun ja…“, sagte er zu mir.
Mein Ansatz zum Wünschen und Ideen äussern ist ja ein anderer: Für mich geht es um vorausschauendes Denken, diese menschlich einzigartige Begabung in die Zukunft denken zu können und auch aus der Zukunft heraus Ideen im Jetzt entwickeln zu können. Nicht alle Kulturen auf der Welt praktizieren diese Gabe. Die Mitarbeiter*innen von Hilti erlebend, deren Gesprächsfetzen aufschnappend, assoziere ich diese Art von vorausschauendem Imaginieren, wie man von Punkt A nach Punkt B gelangt, durchaus berücksichtigend, was denn am besten für die Menschheit sein könnte und nicht nur für den Profit oder die Sache, da keine Sache ohne Umraum existiert.

SB

HILTI, 20. APRIL

Eine Freundin aus Berlin sandte mir heute einen TV-Bericht „Thema des Tages“ über die Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo. Der Leiter Dieter Puhl erzählt vor dem Regal mit Schlafsäcken stehend: „Ein Grossteil der Schlafsäcke stammt übrigens aus Liechtenstein. Eine ganz tolle Geschichte: Eine 93-jährige Teppichhändlerin, die in Liechtenstein lebt, und früher mit Teppichgeschäften in Deutschland zu Geld kam, sorgt für uns. Wenn ich sie anrufe, schickt sie auch schon mal 2000 Schlafsäcke. Wir brauchen tatsächlich pro Jahr 6000 Schlafsäcke.“
Eine Hilti-Mitarbeiterin hört sich bestimmt fünf Minuten die Wünsche an. Ich sehe sie lächeln. „Das ist garnicht schlecht…“, sagt sie dann, als ihre Kollegin sie zum Mittagessen abholt. „Was man sich so für Liechtenstein wünschen kann…“. Hier habe ich ganz schnell gelernt, ich kann persönlich anwesend sein, aber die Leute wollen nicht unbedingt angesprochen werden. Ich habe ja auch am liebsten freiwillige Gespräche und nicht das Gefühl, ungewohnt angesprochen zu werden. Aber wie spricht man in einer so offenen Situation Menschen an?

SB

HILTI, 19. APRIL

Am 1. Tag hatte ich einen guten Start, da ich ein paar Mitarbeiter*innen hier bereits kenne und diese mich auf ihrem Marktplatz mit Kolleg*innen bekannt machen. Auch am 2. Tag kommen einige wieder auf mich zu, und jenseits von direkten Ideen und Wünschen geht es eher generell um das Leben hier vor Ort. Leben heisst in vielen Fällen Buchs oder Sevelen, arbeiten hier. Die Menschen scheinen sehr zufrieden, man kennt sich, man verabredet sich zum Essen. Lebhafte Gespräche auf Spanisch, Arabisch, Chinesisch, Englisch, aber auch Deutsch in allen Akzenten. An der Mode und dem Verhalten etc. kann ich merken, wie „urban“ man sich hier bewegt. Viele Gäste gehen durch die Halle, ich höre immer wieder Gespräche, wo Menschen ihre Firma vorstellen. Wünschen tut man hier auf hohem Niveau, scheint es. Die aktuellen Wünsche lesend, merke ich, wie das nicht wirklich stimmt. Das eigene Wohlbefinden in Beruf- und Privatleben lässt einen dann doch nicht ganz das eigene Weltbürgersein vergessen.

SB

HILTI, 18. APRIL

Mein 1. Tag auf dem Marktplatz bei Hilti. Ein Mann sprach aus, wie ich den Besuch empfand: Die Welt trifft sich an diesem Ort. Da stehe ich und die meisten Unterhaltungen finden auf Englisch statt, ich höre von China, Shanghai und Finnland; ich spreche mit Menschen aus bestimmt 10 Nationen darüber, was sie zu Liechtenstein als ihrem Arbeitsort denken. Aber ich höre auch von einem jungen Liechtensteiner, wie anhaltend nachdenklich er darüber ist, dass so wenige Liechtensteiner hier arbeiten. Und dass diese Lehrlingsausbildung bei Hilti so gut ist, aber nur noch wenig Produktion hier vor Ort stattfindet; was heisst, es wird nicht mehr wie vorher nach Bedarf ausgebildet, sondern: Ausbildung für andere Unternehmen oder andere Standorte. Diese internationalen Expert*innen hier, sind die notwendig? Können wir das nicht selber decken? Ein Folgegespräch mit einer internationalen Mitarbeiterin entbrennt, die darauf aufmerksam macht, dass die Universitäten sowie real Menschen vor Ort fehlen, um diese diversen Expert*innen landesintern auszubilden. Ja, diese internationalen Expert*innen sind notwendig, um diesen Weltkonzern vor Ort zu betreiben, sagt sie.
Ein Chinese sagt, er wagt kaum für Liechtenstein zu wünschen, da er nicht sicher ist, dass er irgendeine klare Vorstellung von diesem Ort hat. Sein Verständnis oder Zugang zu diesem Ort scheint ihm so limitiert. Er wüsste gerne mehr darüber, aber wie kann das stattfinden? Ich ahne, es geht hier nicht im Informationen, sondern darum, den Geist eines Ortes zu begreifen.

SB

OSTERN, 15. BIS 17. APRIL

„Aus dem Trevi-Brunnen in Rom sind im vergangenen Jahr rund 1,4 Millionen Euro gefischt worden. So viele Münzen hätten Touristen in eines der Wahrzeichen der italienischen Hauptstadt geworfen, bestätigte am Mittwoch die Wohlstandsorganisation Caritas, der das Geld traditionell übergeben wird. Im Jahr 2013, bevor der Barock-Brunnen für Renovierungen geschlossen wurde, waren es 1,2 Millionen Euro gewesen. Die Legende besagt: Wer eine Münze in den Brunnen wirft, kehrt in die Ewige Stadt zurück.“

SB/dpa

OSTERN, 14. APRIL

„Am 8. Mai tritt Uli Hoeness am Business-Lunch in der Hofkellerei Vaduz auf. Hoeness ist einer der erfolgreichsten Sportmanager der Welt. Er spricht als grosser Mentor und Macher des FC Bayern über die Erfolgsgeschichte ‚Mia san mia‘ des bayrischen Grossclubs, einem der erfolgreichsten Vereine der Welt.“
rheintaler.ch

Das lese ich im Netz. Aber eben auch:

„Hoeneß wurde am 13. März 2014 von der 5. Strafkammer des Landgericht München II wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Er trat daraufhin von seinen Funktionen als Präsident des FC Bayern München e. V. und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG zurück. Seine Haftstrafe trat er am 2. Juni 2014 in der Justizvollzugsanstalt Landsberg an. Nach Verbüßung der halben Haftzeit wurde er am 29. Februar 2016 entlassen und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt.
Am 25. November 2016 wurde Hoeneß erneut zum Präsidenten des FC Bayern München e. V. Gewählt.“
wikipedia

TRIESENBERG/IVOCLAR VIVADENT, 13. APRIL

Der Wechsel zwischen zwei Standorten wie Triesenberg und Ivoclar Vivadent in Schaan könnte grösser nicht sein. Ich spreche einerseits mit vielen Menschen, die ins Land pendeln zum Arbeiten, die beschäftigt sind mit Kinder-via-Handy-organisieren, da man um 5 h das Arbeiten beginnt und die Kinder im Nachbarland aber erst um 8 h in die Schule müssen. Da geht es um Mobilität und die viele Zeit auf der Strasse, um Rentenanteile und um Arbeitszeiten. Keiner beschwert sich, alle scheinen sehr pragmatisch mit dem Leben und den Umständen umzugehen. Ob sie denn hierherziehen würden, wenn sie könnten? Ja, manche schon und sie wundern sich, dass Liechtenstein so freiwillig auf ihren ökonomischen Beitrag in der Gesellschaft verzichtet und auf ihre Anwesenheit im Alltag.
Gespräche in Triesenberg handeln von der Sorge um Überfremdung, Öffnung der Grenzen, Aufenthaltsgenehmigungen. Warum werden so viele Wohnungen auf Vorrat gebaut? Ist mehr Wachstum gut für uns? Sollten wir nicht Zufriedenheit mit dem Bestehenden üben?

TRIESENBERG/IVOCLAR VIVADENT, 12. APRIL

Ich laufe nach Masescha für ein Gespräch und anschliessend wieder nach Triesenberg, da ich schneller laufe als der Bus kommt. Ich lese später im Buch des Walser Heimatmuseums: „Erster Siedlungsort und religiöser Mittelpunkt der Walser war Masescha (1250 m ü.M.)… Masescha ist ein wirklich traumhafter Aussichtsbalkon. Das Auge schaut hier in ein Panorama, das unvergleichlich ist. Ein grossartiger Tief- und Weitblick ins St Galler Rheintal, auf den Rhein, auf die Schweizer Berge vom Pizol bis zum Hohen Kasten bietet sich hier dem Auge.“ Dieser Tief- und Weitblick beeindruckt mich an dem Tag, denn auch das Gespräch dreht sich um diesen Tief- und Weitblick, wenn es darum geht, lokale Netzwerke und Kreisläufe weise zu stützen und zu pflegen. Denn der Ort lebt nicht von vornehmlich Fremdentourismus als Standort, der Ort lebt von den lokalen Menschen.

PLANKEN, 1. APRIL

Ich gehe in Planken an diesem schönen Samstag von Haus zu Haus, sportlich-adrett gekleidet und stelle das Projekt vor. Viele sind nicht zuhause, einige nehmen den Flyer dankend entgegen, zweimal ist jemand krank, einmal nicht interessiert. Man verabredet sich mit mir für die kommende Woche und eine Dame bittet mich auf einen Kaffee auf den Balkon. Wir führen nach dem Sprechen über den Wunsch ein sehr berührendes Gespräch über den Tod. Immer wieder gibt es so Momente, man ist sich eigentlich fremd und fühlt sich sehr schnell nah oder herzlich verbunden, und daraus entstehend sehr essentielle Themen und Unterhaltungen.

PLANKEN, 31. MÄRZ

Wir fahren heute morgen die Sammelstelle nach Planken auf den Gemeindeplatz. Marcel, der Mann, der die Sammelstellen in all den Wochen nun umherfahren wird, ist empört über den für ihn gefühlt niedrigen Münzstand. Glauben die Liechtensteiner*innen nicht an ihre gemeinsamen Ideen?, fragt er. Für mich gibt es keine Erwartung an die Höhe des Münzstandes, es ist wie die Wünsche, es kommt was kommt und das spricht für sich, ohne die Notwendigkeit von Erwartung oder Bewertung. Es bildet einen IST-Zustand ab.
Wir haben einen wunderbaren Empfang in Planken mit einem Händedruck des Gemeindevorstehers, einem Kaffee und Gespräch mit wunderbarem Ausblick.

SB

VADUZ, 30. MÄRZ

Die Sammelstelle in Vaduz zieht heute von ihrem Standort vor dem Museum neben die Touristen-Informationsstelle.
Ich halte einen kleinen Vortrag in Friedrichshafen an der Zeppelin-Universität vor Studierenden, wo ca. 3 von 20 je in Liechtenstein waren. Ich versuche zuerst den Kontext zu erläutern, bevor ich von der Rest-Münz-Aktion spreche. Es kommen interessante Fragen zu dem Verhältnis Staat-Monarch-Industrie und Geld/ökonomisches Vermögen sowie die Frage an mich, wie das ist, ein Kunstprojekt in einer solch saturierten Situation zu machen? Es stimmt, in der Regel passieren solche Kunstprojekte an Orten wo es eine offensichtliche Transformationsveränderung gibt und man glaubt, auch Kunst kann helfen, diese Veränderungsbewegung zu unterstützen. Gibt es hier kein Bedarf, die Rolle von Kunst, via einem ästhetischen Objekt & Prozess, zu reflektieren, zu imaginieren, politische oder soziale Verhältnisse zu benennen?
Abends ein Vortrag im Museum vom Christina von Braun zu „Geld und Kunst“. Der zentrale Satz für mich ist ihre Feststellung, dass unser Geldsystem weltweit nur deshalb funktioniert, weil wir alle daran glauben. Es gab und gibt immer wieder in der Geschichte Momente, wo die Menschen vom Glauben ans Geld abfallen und dann kommt der „Realitätscheck“, wo man merkt, dass Geld nicht mehr gedeckt ist von anderen Werten wie Gold oder Immobilien. Was genau ist die Heilsversprechung von Geld und um so mehr denke ich heute abend, interessiert mich das Potential, an seine eigenen Ideen und sein soziales Umfeld zu glauben.

SB

VADUZ, 29. MÄRZ

Heute gibt es ein Interview mit einer jungen Journalistin vom Vaterland über den momentanen ersten Eindruck der Kunstaktion, was ist anders hier als in anderen Ländern, wie unterscheiden sich die ersten zwei Gemeinden, was ich mir als Künstlerin für Liechtenstein vorstelle und wünsche. Ich bemühe mich zu erklären, dass das Besondere an einer solchen Kunstaktion ist, alle Meinungen und Wertungen zu suspendieren und einfach mal ganz offen hinzuhören, was denn an Wünschen und Ideen, an Überlegungen in diesem Raum existiert. Ergebnisoffen sein im Prozess heisst, alle Gedanken stehen gleichberechtigt nebeneinander.

SB

TRIESEN/VADUZ, 28. MÄRZ

Ich hatte mir einen Termin geben lassen beim Amt für Kultur Liechtensteinisches Landesarchiv, um mir den Dokumentarfilm „Die andere Hälfte“ von 2003 von Isolde Marxer anzuschauen. Es geht dort um die Geschichte des Frauenwahlrechts und der Frage der Gleichberechtigung in Liechtenstein. Ein Thema, von dem ich immer wieder höre. Es gibt in den Interviews bemerkenswerte Sätze:
„Da hat sich natürlich wieder manifestiert, wo die Macht im Staat ist, und dass das Recht nur dann und nur so gilt, wie die Mächtigen es interpretieren. Dieses Ausgeliefertsein einer bestimmten Macht, war das ganz Schlimme.“
„Man hat gemerkt, es ist so wie in einer Familie, es darf nichts nach aussen gehen. Das ist Privatsache. So war das auch die Privatsache Liechtenstein.“
„Wir sind ein katholisches und monarchisches Land. Weder in der Kirche noch in der Monarchie sind Frauen vorgesehen.“
Originalton von Interview mit Schülern: „ Wahrscheinlich wollen sie dann auch das Beste für die Frauen und die Männer haben es nicht mehr so schön wie jetzt.“

 

In Triesen kommt in einem Gespräch die Frage auf, ob Wünschen an und für sich eine inhärente Kritik am Bestehenden bedeutet, ob Utopien per se eine Kritik am Bestehenden sind. Wünsche als Kritik verstanden? Neurologen haben erforscht, dass Zukunftsvisionen notwendig sind, um die emotionale Kraft aufzuwenden, im Jetzt und Hier diese Visionen umzusetzen. D.h., wenn man sich nicht traut zu imaginieren, kann auch kein Bild oder Weg für die Zukunft entstehen.

SB